Design mit 20 Prozent Sehkraft

Zwischen Fortschritt und Handlungsbedarf: Justus über Barrierefreiheit

Justus Steinfeldt ist Fotograf, Künstler, Grafik-Designer, Experte für 3D Motion Design, Design-Preisträger, erfolgreicher Keynote-Speaker, Dozent an der HTW Berlin und der Houdini School. Und: er ist sehbehindert. Ein Fakt, der ihn keineswegs einschränkt, sondern täglich über sich hinauswachsen lässt. Sich selbst beschreibt er als “Profiteur vom digitalen Wandel”.

Barrierefreiheit macht das gemeinsame Miteinander überhaupt erst möglich. 

Justust Steinfeldt, Designer

Wie aus einer Sehbehinderung eine kreative Stärke wird

1997 in Dresden geboren, wurde bei Justus Steinfeldt kurz nach seiner Geburt Grauer Star auf beiden Augenlinsen diagnostiziert. Mit 2,5 Monaten wurde er operiert, dank Kontaktlinsen blieb eine Sehschärfe von etwa 20% auf dem besseren Auge. Ein Schicksal, das viele Menschen hätte hadern und verzweifeln lassen. Nicht so Justus. Schon als Kleinkind entdeckte er die Fotografie für sich. 

Was zunächst als Hilfsmittel im Unterricht gedacht war, wurde schnell zum leidenschaftlichen Hobby. 2019 begann er ein duales Studium für Mediendesign in Dresden und Ravensburg, was ihn schließlich zu SandsteinNM führte. Vier Jahre unterstützte er SandsteinNM als BA-Student im Bereich Grafik und Design und bereicherte unseren Arbeits- und Projektalltag mit wertvollen Sichtweisen auf inklusive Perspektiven, Techniken und Barrierefreiheit.

Interview mit Justus Steinfeldt

Anlässlich des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG), welches im Juni 2025 in Kraft getreten ist, haben wir Justus in einem Interview gefragt, welche Branchen und Bereiche das Thema Barrierefreiheit aktuell schon angemessen umsetzen, wo noch dringend Handlungsbedarf besteht, welche Rolle neue Technologien für die Barrierefreiheit spielen und welche Tools er in seinem Alltag regelmäßig nutzt. 

Er spricht darüber, wie er von seiner Sehbehinderung profitiert und mit seiner Art des Sehens eine ganze Branche revolutioniert.

Frage: Hallo Justus, wir machen eine redaktionelle Serie zum Thema Barrierefreiheit. Schön, dass das mit dem Interview geklappt hat. Erzähl uns doch bitte noch mal kurz, wie du zu Sandstein gekommen bist.

Antwort: Ich hatte mein Schülerpraktikum in der neunten Klasse bei Sandstein gemacht. Bei Sandstein hatte es mir damals sehr gut gefallen. Deshalb hatte ich mich hier als Praxispartner für das duale Studium beworben. Mit Sandstein zusammen durfte ich an der DHBW Ravensburg dual Mediendesign studieren. 

Frage: Kannst du genau beschreiben, wie du eingeschränkt bist und wie du Dinge wahrnimmst, wieviel du siehst und was du siehst?

Antwort: Ich bin von Geburt an sehbehindert. Zur Geburt hatte ich beidseits trübe Augenlinsen. Dadurch konnte ich als Baby das Sehen nicht lernen. Nach 10 Wochen wurden die trüben Augenlinsen entfernt. Jetzt habe ich Kontaktlinsen und Brillen statt meiner Augenlinsen. Damit ist das Bild auf der Netzhaut scharf, aber mein Gehirn konnte das Sehen am Anfang des Lebens nicht lernen. Weil ich das Sehen nicht lernen konnte, sehe ich jetzt mit 20% Schärfe.

Frage: Du siehst generell alles unscharf?

Antwort: Ja, genau. Ich sehe immer alles unscharf, fern und nah. Mit Hilfsmitteln wie der Brille und den Kontaktlinsen komme ich auf 20% Schärfe. 

Frage: Wie lief es damals in der Schule?

Antwort: Ich gehöre zur ersten Generation, die mit Behinderung eine reguläre Schule besuchen durfte. Seit der 5. Klasse habe ich im Unterricht komplett digital mitgeschrieben. Ich musste schnell lernen, digital so schnell wie meine analogen Mitschüler zu sein. In der 2. Klasse habe ich dank meinen Eltern bereits das 10-Finger-Schreiben gelernt. Das alles hilft mir jetzt sehr. Meine Behinderung hat also auch Vorteile und vom digitalen Wandel profitiere ich sehr.  

Frage: Was gibt es für Barrieren für dich im Alltag?

Antwort: Die Barrieren in meinem Alltag kann ich gut mit Hilfsmitteln überwinden. Im öffentlichen Nahverkehr sehe ich zum Beispiel die Anzeigetafeln nicht. Da ist die Schrift zu klein. Dann nehme ich mein Handy und zoome es mir groß. 

Frage: Gibt es Situationen, die dich vor eine Herausforderung stellen? 

Antwort: Eine gute Frage. Meine Sehbehinderung kann für mich im Design auch ein Vorteil sein. In 3D geht es oft um Bildgestaltung. Da profitiere ich sehr von meiner Sehbehinderung. Durch mein unscharfes Sehen bin ich auf den generellen Bildaufbau fokussiert. Ich sehe vor allem die grobe Bildgestaltung, die Formen und Farben. Das ist meine Standard-Sicht. Und für die Arbeit an Details zoome ich einfach digital heran. Schärfer sehe ich dadurch nicht, aber das Bild wird größer. So kann ich Bilder im Gesamten und im Detail perfektionieren. 

Frage: Welche Hilfsmittel nutzt du sonst noch?

Antwort: Bei Sandstein haben wir viel an der Barrierefreiheit gearbeitet. Dort habe ich auch Vorleseprogramme für mich kennengelernt. Seitdem lasse ich mir gerade längere Texte vorlesen. 

Frage: Welchen Browser bzw. welche Screenreader nutzt du hauptsächlich, wenn du im Web unterwegs bist?

Antwort: Ich nutze hauptsächlich Chrome, obwohl Firefox mehr Funktionen für Menschen mit Sehbehinderung bietet. Als Vorlesetools nutze ich JAWS und auch ElevenLabs für längere Texte. 

Wenn gesunde Personen erst einmal Kontakt mit Personen mit Behinderung haben, merken sie, dass wir auch normale Menschen sind und nicht nur die anonyme Masse, die etwas nicht hinkriegt.

Justust Steinfeldt, Designer

Frage: Gibt es trotzdem Situationen, in denen du dir mehr Rücksicht oder Unterstützung wünschst?

Antwort: Ich komme sehr gut zurecht und brauche wirklich selten Hilfe. Wenn ich welche brauche, bitte ich danach. Dann sind die Menschen auch sehr hilfsbereit. Ich erlebe die Menschen als positiv und rücksichtsvoll. Mein Umfeld vergisst im Alltag auch oft, dass ich sehbehindert bin. Ich finde das super! Ich bestehe ja nicht nur aus meiner Sehbehinderung. Aber deshalb ist Barrierefreiheit aber auch so wichtig. Sie ermöglicht erst, dass Menschen mit Behinderung „reinkommen“, ein normales Leben führen können und sich in gemeinsamen Räumen mit Menschen ohne Behinderung aufhalten können. Ohne Barrierefreiheit gibt es diesen gemeinsamen Kontaktpunkt gar nicht, durch den Vorurteile abgebaut werden können. Weil Menschen mit Barrierefreiheit ausgesperrt sind, digital wie physisch, wenn die Barrierefreiheit fehlt. 

Frage: Gibt es ein besonderes Erlebnis oder eine Erfahrung, die dich besonders geprägt haben?

Antwort: Ab der Geburt bis zur Einschulung habe ich mein Sehen in der sogenannten Frühförderung trainiert. Mit buntem, visuell interessantem Spielzeug, Lichtboxen und Schwarzlicht. Mein Opa hat zum Beispiel einen Scheibenwischmotor umgebaut und daran farbige Lichter befestigt, die sich bewegen. Das hat mich sehr geprägt. 

Frage: Inwiefern hat dich das geprägt?

Antwort: Ganz direkt habe ich deshalb als Kleinkind nicht die Augen zugemacht und das Sehen sein lassen. Ich hatte immer etwas Spannendes zum Anschauen! Aber es prägt mich bis jetzt in meiner 3D-Arbeit. Dort setze ich genau diese bunten bewegten visuell aufregenden Objekte um, die ich als Kleinkind gesehen habe. 

Frage: Hattest du ein Lieblingsprojekt in der Zeit bei Sandstein? Du hast ja auch BITV Tests für Sandstein mitgemacht.

Antwort: Ich habe bei Sandstein im UX-Design viel mit Testpersonen gearbeitet. Bei meiner Bachelorarbeit habe ich mit 18 Menschen mit geistiger Behinderung getestet, ob die Barrierefreiheitsrichtlinien für sie ausreichen. Es war toll zu sehen, wie die Verbesserung der Usability für Menschen mit geistiger Behinderung die Nutzbarkeit für alle Menschen erhöhen.  

Frage: Wie ist generell dein Eindruck -  Ist Deutschland auf einem guten Weg zur Barrierefreiheit?

Antwort: Mit dem European Accessibility Act ist die EU weltweiter Vorreiter, digitale Barrierefreiheit für die Privatwirtschaft zu verankern. Erstmals wird durchgesetzt, dass alle digital barrierefrei sein müssen, nicht nur öffentliche Stellen. Das ist eine große Errungenschaft. Deutschland hat hingegen deutlichen Nachholbedarf in der Privatwirtschaft bei physischer Barrierefreiheit. Da sind uns Länder wie die USA Jahrzehnte voraus. 

Frage: Wenn du dich jetzt so im Web bewegst, hast du einen typischen Fehler, wo du sagst, das ist leicht zu beheben aus Barrieresicht?

Antwort: Der typischste Fehler im Web ist der Kontrast. Wie oft in der Barrierefreiheit profitieren auch hier alle Menschen von genug Kontrast, wenn z.B. die Sonne draußen auf`s Handy scheint. 

Frage: Hast du einen Wunsch oder einen Traum für die Zukunft, den du dir gerne noch verwirklichen würdest?

Antwort: Ich bin sehr zufrieden und glücklich. Ich mache alles, was mir Freude bringt. Natürlich habe ich aber noch viel vor. Gern möchte ich mit Soft Robotics in experimenteller Kleidung arbeiten. Außerdem möchte ich im Sounddesign mehr mit Spatial Audio machen. 

Frage: Gibt es noch etwas, das du noch auf dem Herzen hast?

Antwort: Ich kann nur danke an Sandstein sagen. Danke für die unglaublich schöne gemeinsame Zeit und die Unterstützung während des Studiums! Ich hätte mir kein besseres Umfeld und tolleres Team  vorstellen können, um ins Berufsleben zu starten. 

Wir danken Justus für das inspirierende, kurzweilige und aufschlussreiche Interview!

Ausgezeichnet

2024 wurde Justus mit dem Ravensburger Designpreis für sein Engagement und seine Leistungen im Studium ausgezeichnet. Mit seinen nur 20% Sehschärfe hat er den Studiengang mit seinem ganz eigenen Blick als Mensch und Designer bereichert. Seit dem Studienabschluss ist er nun selbständig als 3D Motion Designer. Unter dem Künstlernamen „20 % Vision“ macht er Inklusion sichtbar. Gleichzeitig ist er Dozent an mehreren Hochschulen und Universitäten.

Das Interview mit Justus als Video

Teil 1: Alltag meistern mit einer Sehbehinderung

Teil 2: Barrierefreiheit und Technologien

Justus spricht über Technologien und Barrierfreiheit im Web.

Ich erlebe die Menschen als sehr positiv und sehr rücksichtsvoll. Viele Menschen, Freunde oder Bekannte, Arbeitskollegen, vergessen sogar mit der Zeit, dass ich überhaupt sehbehindert bin.“

Justust Steinfeldt, Designer

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